Kommoden

Die frühesten bekannten Möbel, die dem später „Kommode“ genannten Möbeltyp ähneln, waren spezielle Sakristeischränke, die zur Aufbewahrung der Paramente dienten. Manche gotischen Schränke mit zweireihigen Schranktüren wurden in Sakristeien im unteren Bereich ausschließlich mit breiten Schubfächern versehen. Die einzelnen Schübe ermöglichten die Trennung der Ornate nach Amt und Anlass. Ein solcher hoher Sakristeischrank aus Feldkirchen (Kärnten), mit Flachschnitten und Maßwerkschnitzereien verziert und mit 1521 datiert, befindet sich inzwischen im Österreichischen Museum für angewandte Kunst in Wien.[3]
Für den gleichen Zweck wurden im Spätmittelalter auch reine Schubladenmöbel hergestellt, zumeist aus mehreren aneinandergebauten Schubreihen bestehend, deren Blatt als große Ablagefläche diente. Das weiträumige Mobiliar erhielt manchmal einen Platz mitten im Raum. Eine Wandmalerei in der bei Črna pri Kamniku (Slowenien) stehenden Kirche St. Primus und Felizian enthält ein solches Möbelstück: Die Fresken aus dem Jahr 1504 zeigen an der Südwand Szenen aus dem Leben Mariä,[4] darunter eine Darstellung webender und nähender Frauen mit der Jungfrau Maria am Webstuhl vor einem niedrigen Kastenmöbel, das unter dem Blatt nur Schubladen aufweist.[5]

Vorläufer einer Kommode aus Spanien: rechte Seite am Kreuzgang

Solch tischhohes Mobiliar für die sakralen Textilien war insbesondere in Spanien verbreitet. Ein repräsentatives Beispiel einer aus dem 16. Jahrhundert stammenden cajonera de la sacristía steht in der Vorsakristei der Kathedrale von Ávila. Der massive Schubladenschrank ist rundum mit Füllungen versehen, umgeben von passendem Gestühl, dessen Faltwerke deutlich Merkmale der Gotik aufweisen. Das hölzerne Mobiliar wird dem Holzschnitzer flämischer Herkunft, Cornelius de Hollanda (aktiv im 16. Jahrhundert in Spanien) zugeordnet.[6] Etwas jünger, aber besser bekannt sind die langen Reihen von cajoneras an der Wand der Sakristei des El Escorial, deren Stil der Renaissance folgt.

Ein anderer Möbeltyp, der sehr wahrscheinlich ebenfalls zur Entstehung kommodenartiger Schubladenschränke beitrug, ist der Archiv- bzw. Kabinettschrank. Als Beispiel dient ein Archivschrank aus Breslau (Schlesien), der im Inneren mit zahlreichen kleinen Schubladen ausgerüstet ist und sich im Erzdiözesanmuseum befindet. Dieser Archivschrank ist nachweislich der Umbau eines Regals, das unterteilt, mit kleinen Schubladen gefüllt und mit MCCCCLV (1455) beschriftet wurde.[7] Der Zweck der Kabinett- und Archivschränke ähnelte dem der Truhen: bei der zunächst noch geringen Größe konnte der Standort mit dem wertvollen Inhalt gegebenenfalls schnell verändert werden. Zur Sicherung der vielen Schubladen erhielten diese Schränke anfangs Türen oder eine Klappe, die geöffnet als Auflage-, bzw. Schreibfläche fungierten. Um bei Kabinettschränken den Wert des Inhalts hervorzuheben, wurden sie reich verziert und auf Gestelle oder Tische gestellt. Manchmal erhielten sie auch Untersätze, die ebenfalls mit Schränkchen und Schubladen bestückt waren, allerdings gröber aufgeteilt als der Kabinettschrank. Ein Beispiel dafür ist der spanische taquillón, der manchmal anstatt eines Gestells unter dem vargueño stand, einem hauptsächlich in Kastilien gebauten Kabinettschrank mit Schreibklappe, wohl maurischen Ursprungs.[8] Der taquillón war vertikal und horizontal in zwei Hälften aufgeteilt und erinnert rein äußerlich an eine Kommode. Von den vier gleichförmigen Kompartimenten waren aber höchstens die oberen zwei als Schubladen ausgeführt.[9] Die Untersätze der Kabinettschränke wurden auch alleinstehend genutzt und schließlich als eigenständige Kastenmöbel gebaut, bis manche Modelle ab dem 17. Jahrhundert nur mit Schubfächern bestückt wurden. Solche Möbel verbreiteten sich über die Niederlande auch nach England. Sie zeichen sich durch schmale, hohe Schubladen aus, die höchstens die Hälfte der Gesamtbreite einnehmen, wobei nicht nur die Aufteilung, sondern auch die Formensprache der frühen chests of drawers auf das spanische Vorbild weist.
Auch in deutschen Gebieten schufen Schreiner kunstvolle Kabinettschränke, die mit zahlreichen Schubladen ausgerüstet waren; allen voran gilt Augsburg als herausragender Entstehungsort, wo beispielsweise der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Pommersche Kunstschrank im frühen 17. Jahrhundert entstanden war.

Neben der Entwicklung kommodenartiger Möbel aus dem Regal führten auch die Sockelschubladen der Truhe zu ähnlichem Mobiliar. Als im 15. Jahrhundert immer größere Truhen bevorzugt wurden, erhielten sie zunächst im Inneren kleine Fächer, Einlegekästen und schmale Tablare. Mit der Verbreitung der Schublade wurden die Truhen zunehmend mit Sockelschubladen, d. h. unten mit Außenschubladen ergänzt. Sie waren in der Renaissance in ganz Europa verbreitet. Besonders in England wurden sie unten mit zusätzlichen Schubladenreihen weiter erhöht. Diese Kombination von Kommode und Truhe heißt auf Englisch mule chest,[10] während dafür in anderen Sprachräumen keine spezielle Bezeichnung existiert. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts waren in England und Nordamerika, nebst dem frühen, noch spanisch anmutenden chest of drawers, auch aus dem mule chest reine Schubladenversionen entstanden, indem die obere Truhe weggelassen wurde. Einfach gestaltete transportable Modelle, die auch gestapelt werden konnten, fanden gern auf Schiffen Verwendung.

Das Verdrängen der Truhe durch ein Schubladen-Möbelstück ist auch an der Entwicklung des japanischen tansu abzulesen. Hier erhielt die transportable Truhe unten eine von außen zu öffnende Schublade (hikidashi), die ursprünglich für das Brennholz bestimmt war, während die Truhe den Esswaren vorbehalten blieb.[11] Später wurden auch die japanischen Reisemöbel unten mit weiteren Schubladen erweitert, bis sie schließlich ihre Eignung zur Reise einbüßten und bei manchen Typen so viele Schubladen übereinander lagen, dass auf die obere Truhe verzichtet wurde.

Die ersten gänzlich der Kommode entsprechenden Kastenmöbel erschienen im 16. Jahrhundert in Norditalien unter der Bezeichnung cassettone.[12] In Ligurien und in der Toskana wurde dieses Möbelstück häufig mit Figuren verziert, wie dies beim stipo a bambocci, ein dem spanischen vargueño ähnlicher Kabinettschrank, geschah. Seine Einteilung mit durchgehenden Schüben über der Gesamtbreite entspricht aber eher dem Sakristeischrank für die Ornate. Die cassettoni wurden in verschiedenen Ausführungen gebaut: außer Konsolenschränken und Betpulten mit Schubfächern entstanden auch Sekretäre (canterani), die wie Kommoden aussahen, zuoberst jedoch anstatt der Schublade eine Klappe mit kleinen Behältnissen dahinter und eine herausziebare Schreibfläche aufwiesen, und somit den englischen butler’s desk des 18. Jahrhunderts vorwegnahmen.

Obwohl im 17. Jahrhundert Schubladenmöbel in Westeuropa nichts Ungewöhnliches mehr waren, begann der Siegeszug der Kommode erst um 1700 in Frankreich, wonach sie schnell zum beliebtesten Kastenmöbel avancierte, was auf den enormen Einfluss Frankreichs in Sachen Mode hinweist.

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